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"Heute schon gefreut?"
Ein ökumenisches Gottesdienstexperiment in Markdorf
Wenn sonntags viele Kirchenbänke leer bleiben, heißt
es nicht zwangsläufig, dass sich die Menschen nicht für
Gott interessieren. Vielleicht fühlen Sie sich eher von der
üblichen Gottesdienstform nicht angesprochen. Christen aus
Markdorf und Bermatingen am Bodensee schlossen sich deshalb zur
Initiative "Blickpunkt G" zusammen und luden zu einem
ungewöhnlichen Gottesdienst ein. Thema: "Heute schon gefreut?"
Der Saal im evangelischen Haus im Weinberg in Markdorf ist einladend
geschmückt. Unaufdringlich werden die Gottesdienstteilnehmer
empfangen; sorgfältig sind Zettel, Fragebogen und Kuli auf
jedem Sitzplatz ausgelegt - alles wird man später brauchen.
Nur die Blätter fehlen. Noten und Texte werden an die Wand
projiziert. So bleiben die Hände frei zum Klatschen, und Papiergeraschel
entfällt.
Etwa 100 Menschen haben sich eingefunden zu diesem ersten Gottesdienst,
den das 15-köpfige Team von "Blickpunkt G" vorbereitet
hat. Die Musikgruppe "Aufbruch" der Kirchengemeinde St.
Gallus in Tettnang spielt deutsch- und englischsprachige Lieder,
die viele Besucher unverzüglich mitsingen.
Auffallend ist das Bemühen um eine persönliche Atmosphäre,
das auch in der Begrüßung von Moderator Klaus Schreiner
spürbar ist. Er ist der Initiator von "Blickpunkt G",
sorgt mit erläuternden Aussagen immer wieder für Transparenz
und kündigt die verschiedenen Abschnitte des Gottesdienstes
an. Zum Beispiel Theaterstück, Interview, Hinausbegleiten der
Kinder zur Kinderkirche oder Predigt. Für angestammte Gottesdienstbesucher
ist die Verwendung moderner Medien wie Funkmikrofon, Projektor oder
die Unterlegung der Predigt mit Folien, ungewohnt. Sie gehört
jedoch zum Konzept. "Wir wollen die Menschen in einer zeitgemäßen
Sprache und mit zeitgemäßen Formen ansprechen",
so Klaus Schreiner.
Wo sonst Lesung, Evangelium und Auslegung der Predigt ihren Platz
haben, gibt es Statements und Erfahrungsberichte. "Wir sind
Laien", so Blickpunkt-G-Mitarbeiter Arno Knauber, der selbst
in der evangelischen Kirchengemeinde aktiv ist. "Unsere Zielgruppe
also Menschen, die nie oder kaum Kontakt zu Gemeinden hatten, steht
weit weg von der Theologie an sich. Die Menschen finden eher einen
Bezug über ihr persönliches Leben."
Ein Interview mit Gabriele Schaefer liegt genau auf dieser Linie.
Authentisch erzählt sie von ihrem Glauben. Regen Gebrauch machen
die Gottesdienstbesucher danach von der Möglichkeit, Fragen
aufzuschreiben, die von drei Mitarbeitern auf dem Podium beantwortet
werden. Die Kinder ab drei Jahren stoßen gegen Ende wieder
zu den Erwachsenen. Nach dem Gottesdienst kann man sich im selben
Raum mit Saft, Äpfel und Brezeln stärken und ins Gespräch
kommen. Dabei erzählt eine Besucherin, dass ihr die lockere
Atmosphäre und die fließende Abfolge gut gefallen habe.
Ein Ehepaar lobt, dass die Themen der weiteren Gottesdienste ("Ist
die Welt noch zu retten?" und "Keine Zeit?") interessant
und lebensnah seien. "Mir gefällt, dass einem nicht alles
vorgesetzt wird und dass der Gottesdienst nicht zu ritualmäßig
abläuft", sagt die Frau. Ein weiterer Besucher vermisst
eine Zeit der Stille. "Etwas zu viel Talk und Technik",
meint er, "außerdem hätte ich mir eine tiefere inhaltliche
Auseinandersetzung gewünscht."
Die Gottesdienstzeit um 17 Uhr wurde bewusst gewählt, um mit
keiner Kirchengemeinde zu konkurrieren. "Wir wollen keine Konkurrenz,
sondern die Verbindung zu den Kirchen halten", so Arno Knauber.
"Eines unserer Ziele ist, dass die Leute einmal in den Gemeinden
aktiv werden."
Viele Blickpunkt-G-Mitarbeiter sind in ihren Gemeinden aktiv. Doch
die Erfahrung der Begrenztheit durch starre Strukturen ließ
ihr Engagement oft an Grenzen stoßen. "Jede Änderung
des Bestehenden verletzt jemanden, und manches ist einfach nicht
möglich. Deswegen wollen wir mit unserem Gottesdiensten etwas
Neues schaffen, jedoch als Ergänzung und Bereicherung zum Angebot
der Gemeinden."
Bernhild Hagemeister
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