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Leben am See - Jahrbuch
des Bodenseekreises
Der etwas andere Gottesdienst
Alternative Angebote für Menschen, die sich
von „normalen“ Gottesdiensten nicht angesprochen fühlen
Wie kann man Menschen erreichen, die zwar Interesse an religiösen
Themen haben, sich durch „normale“ oder traditionelle
Gottesdienste aber wenig oder gar nicht angesprochen fühlen?
Erfordern gesellschaftliche Veränderungen auch neue Konzepte
in den Kirchengemeinden? Diese und andere Fragen stellen sich anhand
der Besorgnis erregend sinkenden Zahlen bei den sonntäglichen
Kirchgängern auch viele Christen – Laien und Theologen
- im Bodenseekreis. Alternative Ansätze haben etwa die evangelische
Erlöserkirchengemeinde in Friedrichshafen und die ökumenische
Initiative „Blickpunkt-G“ in Markdorf anzubieten. Die
Grundidee ist jeweils die selbe: Hier und dort werden in regelmäßigen
Abständen Gottesdienste gefeiert, bei denen vieles anders ist:
Die moderne Musik, der unkonventionelle Ablauf, die meditativen
Elemente und nicht zuletzt auch die Uhrzeit.
Sonntag, 11 Uhr. Friedrichshafener Erlöserkirche. „Punkt
11“ nennen sich die „Gottesdienste für Leute mitten
im Leben“, die seit fast vier Jahren in vier- bis sechswöchigem
Rhythmus gefeiert werden. Mehr als 100 Leute sind gekommen. Viele
Familien mit Kindern, Singles, junggebliebene Senioren. Im Gespräch
stellt sich schnell heraus, dass die Menschen nicht nur aus der
eigenen Gemeinde, sondern auch aus Tettnang, Waggershausen, Berg
oder anderswo herkommen. „Genug ist zu wenig“, so das
Thema dieses Sonntags. Die Atmosphäre ist von Beginn an heimelig.
Instrumentalisten spielen moderne geistliche Lieder, es wird viel
gesungen. Ein Gong ertönt, es wird langsam still. Eine gute
Fee tritt auf , später ein Tourist in kurzen Hosen. Kinder
bringen gemalte Wünsche in den Altarraum. Eine Barbiepuppe,
viele Freunde und eine neue Eisenbahn wären nicht schlecht.
Die Erwachsenen hätten’s gern eine Nummer größer.
Der Mercedes steht an vorderster Stelle, ebenso wie der hohe IQ.
Natürlich nicht zu vergessen die gute Figur und der absolute
Traumpartner. „Immer mehr“ singt dazu passend die Band.
„Was bleibt, wenn alle Wünsche erfüllt sind?“
fragt Petra Müller, Landesjungendreferentin vom CVJM, in ihrer
Ansprache, die viele Anwesende zum intensiven Nachdenken anregt.
„Materielle Güter allein machen das Leben nicht aus“,
so die sich daraus ergebende Quintessenz.
„Es geht nicht darum, einen besseren, sondern einen anderen
Gottesdienst anzubieten.“ So sieht es Pfarrer Karlheinz Fries,
der zusammen mit engagierten Mitarbeitern die „Punkt 11“
Gottesdienste ins Leben gerufen hat. „Wir wollen junge Leute
und Familien ansprechen, die mit Religion und Kirche sonst nicht
viel anfangen können“, sagt auch Jan Etzel, der als gesamtverantwortlicher
Kirchengemeinderat die ehrenamtlichen Teams koordiniert. Jeder Gottesdienst
ist anders.
Beim „Bibliodrama“ etwa fällt die sonst übliche
Predigt aus. „Segnen“ – „Verfluchen“
– „Groß machen“ – „Vernichten.“
Vier verschiedene Begriffe sind gut sichtbar in der Kirche angebracht.
Jeder Gottesdienstbesucher ordnet sich dem Begriff zu, zu dem er
sich am meisten hingezogen fühlt. Kleingruppen finden sich
und tauschen sich aus. Begriffwechsel. „Zusprechen“
– „Versprechen“ – „Befehlen“
– „Gehorchen.“ Neue Gruppen entstehen. Später
liest Mitorganisator Andreas Glatz eine Stelle aus der Bibel vor.
Der Text wird in drei Abschnitte unterteilt und liegt in der Kirche
wieder an verschiedenen Stellen aus. „Welcher Abschnitt spricht
mich besonders an?“ Je nachdem, wie diese Frage von jedem
Einzelnen beantwortet wird, trifft man sich hier oder dort, um die
persönlichen Lebenserfahrungen mit einzubringen und so den
individuellen Zugang zur Bibelstelle zu ermöglichen. Das Gespräch
und die Erweiterung des eigenen religiösen Horizontes stehen
im Vordergrund. Nicht absolute Ruhe und stilles Sitzen, sondern
Bewegung ist im wahrsten Sinne des Wortes erwünscht. Das Kirchenschiff
wird zum Forum des spirituellen Austausches.
Das Prinzip ist, dass es kein Prinzip gibt. Keine Routine, dafür
überraschende Elemente und Kreativität sind gefragt. Besucher
werden interaktiv in den Ablauf miteinbezogen, Rückfragen zur
Ansprache sind möglich, eigene Gebetsanliegen können vorgetragen
werden. Durch Sketche, Pantomimen oder kleine Theaterstücke
wird das Thema eingeführt und sensibilisiert. Für Kinder
gibt es spezielle Angebote. Nach gemeinsamem Beginn ist für
die Kleinen bis fünf Jahren eine Kinderbetreuung möglich,
die Größeren gestalten zusammen mit ihren Betreuern eine
eigene, kindgerechte Feier.
Szenenwechsel. 17 Uhr. Markdorf, Haus im Weinberg, evangelisches
Gemeindehaus. Unter dem Leitwort „Und wenn das Leben anders
spielt“ geht es heute Nachmittag um den Umgang mit Trauer
und Schmerz. Auch hier haben sich gut 100 Menschen eingefunden.
Das Einzugsgebiet reicht weit über die Grenzen von Markdorf
hinaus. Manch einer der Anwesenden gibt zu erkennen, dass er sonst
eher nicht in die Kirche geht.
„Wir haben bewusst einen neutralen Ort und eine neutrale
Zeit gewählt“, sagt Klaus Schreiner. Mit anderen Gleichgesinnten
hat er im Oktober 2001 die „Blickpunkt G“-Gottesdienste
initiiert. Das etwa 15-köpfige Team besteht aus Katholiken
und Protestanten aus Bermatingen und Markdorf – größtenteils
aktive Mitglieder ihrer jeweiligen Kirchengemeinden. Etwas frustriert
vom Ablauf der traditionellen Gottesdienste seien sie schon gewesen,
geben Katholik Klaus Schreiner und Arno Knauber von der evangelischen
Gemeinde aus Efrizweiler offen zu. „Wenn man in den eigenen
Gemeinden etwas verändern will, tut man immer irgend jemand
weh“, so Schreiners Erfahrung. „Außerdem sind
ohnehin immer nur kleine Schritte möglich. Bei uns soll aber
vieles anders sein.“
Der Gottesdienst beginnt. Keine Theologen, sondern „Laien“
haben ihn aufwändig und phantasievoll vorbereitet. Ein schlichtes
Kreuz aus Birkenholz bildet die Mitte des Raumes, der durch unaufdringliche
Beleuchtung in warme Farben getaucht ist. Die Aufforderung der Moderatorin,
den Nachbarn freundlich zu begrüßen, macht offensichtlich
niemandem Probleme. Hände werden geschüttelt, unnötige
Hemmschwellen schnell abgebaut. Fetzig wird es, als die Band „Aufbruch“
aus Tettnang das erste Lied anstimmt. „Ich lobe meinen Gott,
der aus der Tiefe mich holt, damit ich frei bin. Halleluja.“
Alle stehen auf, singen mit, viele bewegen ihren Körper zum
vorgegebenen Rhythmus. Ein Schattenspiel wird vorgetragen. Es geht
um die Zwiesprache mit dem Schöpfer. „Ein Mensch schreit
in seiner Not zu Gott“, so der zu Psalm 38 passende Inhalt.
Eine Teilnehmerin aus Friedrichshafen berichtet in einem Glaubenszeugnis
über ihre eigene, schicksalhafte Geschichte. Innerhalb weniger
Monate wurde der Vater schwer krank, der Mann verunglückte
tödlich, der eigene Arbeitsplatz wurde wegrationalisiert. „Trotzdem
bin ich nicht ins Bodenlose gestürzt“, so das glaubhaft
vorgetragene Bekenntnis. „Heute weiß ich, dass Gott
mich durch diese schwere Zeit getragen hat.“
Das Impulsreferat von Arno Knauber versucht auf die „Warum“
- „Wieso“ – „Woher“ – Fragen
im Zusammenhang mit leidvollen Erfahrungen, die jeder mehr oder
weniger stark am eigenen Leib schon erfahren hat, Antworten zu finden.
Später dürfen kleine Kerzen für individuelle Anliegen
entzündet werden. Die Stimmung wird meditativ und gehaltvoll.
Viele nutzen die Gelegenheit, ein persönliches Problem zu Papier
zu bringen, um es symbolisch
in göttliche Hände abzugeben. Gegen Ende der Feier kommen
die Kinder zurück, berichten von dem, was sie gelernt und erfahren
haben und tragen ihr eigenes Lied vor. Das gemeinsame „Vater
Unser“ beschließt den Gottesdienst.
„Blickpunkt G will den Glauben aus einem anderen Blickwinkel
betrachten“, so die Absicht der ehrenamtlichen Organisatoren.
Das „G“ könne dabei für viele Dinge stehen,
etwa für Gott, Glaube, Gemeinschaft oder Geborgenheit. Die
Frage, ob man sich als Konkurrenz für andere kirchliche Veranstaltungen
sehe, wird von Klaus Schreiner und seinem Team mit einem klaren
„Nein“ beantwortet. Niemand soll abgeworben werden.
Das Wort „Alternative“ fällt immer wieder. Man
will ins Gespräch über Gott und die Welt kommen, diskutieren,
kreativ und aktiv in Glaubensfragen sein, Hoffnungen und Ängste,
Leid und Zuversicht zum Thema machen. Dass die anfängliche
Skepsis von Seiten der beiden großen Kirchen sich inzwischen
weitgehend in Luft aufgelöst hat, wird mit Erleichterung zur
Kenntnis genommen. Eventuelle theologische oder liturgische Konfliktsituationen
werden deshalb bewusst ausgeklammert. Es gibt keine sakramentale
Handlungen wie Abendmahl oder Wandlung. „In Fettnäpfchen
treten wir nicht rein“, so Klaus Schreiner. „Offen“
für alle sollen die Gottesdienste sein. „Wenn’s
jemand nicht gefällt, auch kein Problem. Einige kommen einfach
aus Neugierde. Aber viele kommen immer wieder.“
Nach gut einer Stunde sind die Gottesdienste in der Erlöserkirche
und im Haus im Weinberg vorbei. Für die meisten ist dies allerdings
noch lange kein Grund, sich vorschnell wieder dem Alltag zuzuwenden.
Gemütlicher Plausch bei Tee und Keksen oder Butterbrezeln ist
in den Gemeinderäumen angesagt. Viele wollen der Stimmung des
Augenblicks bewusst nachspüren. Gesprächsthemen für
anregende Diskussionen gibt es genug. Die Resonanz auf die außergewöhnlichen
Gottesdienstformen fällt auch an diesem Sonntag ausgesprochen
positiv aus. „Mich spricht es einfach an“, sagt Martin
Poschik, der zusammen mit seiner Familie aus Tettnang in die Erlöserkirche
gekommen ist. „Der Gottesdienst ist zeitgemäß und
hat Atmosphäre. Einfach zum Wohlfühlen“, so sein
Fazit. In Markdorf lobt eine Besucherin die lockere, fröhliche
Stimmung und die lebensnahe Präsentation. „Hier werden
Erwachsene und Kinder situationsgerecht angesprochen“, freut
sich ein zufriedener Familienvater. Zwei Jugendliche loben die modernen
Rhythmen und die nachvollziehbaren Texte. Ähnlich sehen es
auch Gabriele und Volker Langer. „Die Form gefällt uns“,
sagen sie übereinstimmend. „Es kommt auf die Botschaft
an und wie sie rübergebracht wird.“
Wilfried Geiselhart
Diplom-Mathematiker
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